Vor ungefähr drei Jahren....

.... war ich fest entschlossen, mal wieder ein Buch zu schreiben. Ein ganz normales Buch. Papierseiten, Exposé, Verlagssuche usw. Das Thema - natürlich - unsere bürgerliche Gesellschaftszukunft, weil mich die (zumindest politikphilosophisch) auch damals schon am meisten interessierte. Doch, um es kurz zu machen: kurze Zeit später hatte ich den Entschluss wieder gekippt. Viele Wochen lang täglich allein am Schreibtisch, einsam versunken in Gedanken, Bücher, Diskussionserinnerungen und dazu noch mit eher schlechten Aussichten auf eine lohnende Veröffentlichung - nein danke, keine Lust mehr.


Aber was wäre heute .....

.... wenn ich den Entwurf für dieses Buch, den ich damals schon fertig hatte, einfach hier auf die website stellen würde? Ohne copyright-Ansprüche, ohne lange Vorrede, ohne jegliche Formalitäten?

Und was wäre ....

....wenn heute jemand oder mehrere, die das Thema interessiert, einfach seine/ihre Ideen dazuschrieben? Als Kritik, Weiterführung, Konkretisierung, vielleicht sogar mit einem völlig anderen Denkansatz in eigener Form?

Könnte das keine interessante Zusammenarbeit werden? Ich glaube, ich nehme meinen Mut zusammen und versuch´s einfach mal. Was ich seinerzeit als Entwurf formuliert habe, hieß im Originaltext:

 

 

Die Zeit der Kompromisse

Das bürgerliche Gemeinwohl im 21. Jahrhundert


Exposé für ein politisches Sachbuch

 

I. Thematischer Überblick

Wir heutigen Bürger glauben, grundsätzlich liberal und in einer aufgeklärten Welt leben zu können. Doch das ist ein Irrtum. Machtpolitisch und ideologisch befinden wir uns nach wie vor unter dem Einfluss von Adel und Klerus. Der Adel trägt heute die Namen der hundert reichsten Menschen der Forbes-Liste und bestimmt von der Spitze wirtschaftlicher Entscheidungspyramiden aus das weltweite Investitionsklima durch irrationale Nr.1-Spiele. Der Weltklerus trägt heute vorwiegend islamische, aber auch evangelikal-christliche Namen, und dirigiert die in allen Völkern vorhandene Sinnsehnsucht in Richtung neuer monotheistischer Glaubenskriege.

Innerhalb dieser Einflusszange aus nichtbürgerlichen Politikkräften schlagen wir Bürger uns mit einer Reihe eigener Fundamentalprobleme herum. Wir wissen nicht mehr, wie wir den normalkapitalistischen Konkurrenzkampf mit seiner widersprüchlichen Mischung aus Produktivitätswachstum und Arbeitslosigkeit sozialverträglich steuern können. Wir zerstören wider bessere Logik unsere natürlichen Lebensgrundlagen, weil wir intuitiv ahnen, dass im Rahmen einer echten Ökologiepolitik (Sonnenenergie) keine profitablen Mangelgeschäfte mehr zu machen wären. Wir nutzen privat die globalisierte Bewegungsfreiheit, wollen aber politisch unsere nationalen Sicherheitsbindungen nicht aufgeben. Wir streben nach immer mehr Individualismus, klagen aber über den Funktionsverlust unserer Gemeinschaftssysteme.

In zentralen politischen Lebensfragen verhalten wir heutigen Bürger uns damit so, dass man ohne weiteres von Schizophrenie sprechen könnte. Zwar behaupten manche Experten nach wie vor, dass alles eine Frage des Optimismus sei und dass es vielen Bürgern doch stetig besser ginge. Allerdings zeigt die globale Nachrichtenlage, dass es immer öfter um Leben und Tod geht. Zwar nicht in jedem Fall für jeden Bürger persönlich, doch für die bürgerliche Lebensweise insgesamt. Die Schreckensbilder neubarbarischer Herrschaftspraktiken, die peinlichen Szenen neofeudalistischer Wirtschaftskriminalität, von denen unsere Medien voll sind, stammen ja nicht vom Mond.

Um aus dem Problemdreieck von Spielerkapitalismus, ideologischem Neufundamentalismus und innerbürgerlichen Widersprüchen wenigstens theoretisch einen Ausweg zu finden, scheint auch das grundsätzliche Umdenken, wie es wöchentlich in den Talkshows gefordert wird, grundsätzlich zu kurz gedacht. Im Gegenteil: je routinierter alle Parteien voneinander mehr oder weniger Steuern, mehr oder weniger Bürokratie, Konkurrenz, Verantwortung etc. verlangen, desto klarer wird, dass dieses reine Quantitätsdenken genau die Wand ist, vor welche die bürgerliche Gesellschaft von verschiedenen Seiten aus fährt. Ebensowenig versprechen „allgemein menschliche“ Vernunft- und Gerechtigkeitsutopien eine Lösung, solange darin die Grundwerte nichtbürgerlicher Menschen immer noch als irgendwie „unmenschlich“ missdeutet werden. Und wenn man heute glaubt, die internationale Standortkonkurrenz sei ein alternativloses Pflichtprogramm, so ist auch dies nur die halbe Bürgerwahrheit. Denn offensichtlich können in einem internationalen Konkurrenzkampf höchstens einige Nationen, nicht jedoch die internationale Bürgergemeinschaft gewinnen.

Was eine bürgerliche Politik anstreben müsste, die zumindest ihrer theoretischen Zielsetzung nach plausibler wäre, lässt sich dagegen in den wichtigsten Punkten so zusammenzufassen:

Um den heutigen Kapitalismus im sozialen Sinne für zähmbar halten zu können, müssten wir Bürger lernen, ihn gleichsam von seiner fortgeschrittensten Stufe aus zu betrachten. Wir müßten begreifen, dass nicht mehr ökonomischer Mangel an Gütern und Arbeitsplätzen, sondern überschüssiger Reichtum, sprich globales Spekulationskapital, unser wirtschaftliches Hauptproblem darstellt. Weil auch wir „maßvoll“ denkenden Bürger am individuellen Erfolgsehrgeiz nichts ändern dürfen, sofern uns unser kollektives Wohlstandsleben lieb ist, könnten wir dann nämlich umso leichter den maßlosen Ehrgeiz verstehen, aus dem heraus gerade die größten Kapitalisten heute darum wetteifern, persönlich die weltweite Nr. 1 zu werden. Wir könnten lernen, diesen irrationalen Wirtschaftswettkampf als Sport zu akzeptieren und seine Gewinner, ähnlich wie Olympiasieger, in bestimmten Jahresrhythmen weltöffentlich zu ehren. Und gerade durch dieses weltöffentliche Anerkennungsritual irrationaler Ehrgeizspiele könnte dann möglicherweise auch ein viel positiveres psychologisches Klima entstehen, die jeweiligen Branchenersten der Weltwirtschaft zum feierlichen Recycling ihrer ökonomisch überflüssigen Spekulationsgewinne in unsere notleidenden Sozialstaatskassen zu bewegen, als dies mit unserer negativen Bürgermoral (Gerechtigkeitsforderungen aus Angst und Neid) bisher möglich war.

Um die Auseinandersetzung mit religiösen Fundamentalisten ergebnisorientiert zu führen, müssten wir Bürger verstehen lernen, dass auch die Weltgesellschaft der Zukunft nicht ohne Religion auskommen wird. Da religiöse Werte aber bekanntlich erstens weitgehend differieren und zweitens prinzipiell nicht verhandelbar sind, wird das Verhältnis zwischen den Religionen also auch künftig im Kern ein Kampfverhältnis bleiben. Da es in jeder Religion um mehr als biologische Werte geht, müssten wir Bürger folglich begreifen, dass sogar unser bürgerlicher Höchstwert - nämlich das rationale Gesamtkonzept eines möglichst langen und schmerzfreien Erdenlebens - gegenüber religösen Fundamentalisten immer ein schwaches Argument bleiben wird. Um uns selbst vor Glaubenskämpfen auf Leben und Tod zu schützen, könnten wir heutigen Weltbürger uns daher fragen, ob es nicht besser wäre, die grundsätzliche Kriegsbereitschaft (und -fähigkeit) heutiger Fundamentalisten als gleichsam unvermeidlichen Extremismus anzuerkennen. Wenn wir es täten, läge der Vorteil dieser Anerkennung nämlich darin, dass wir religiös „maßvollen“ Weltbürger uns dann mit den kriegswilligen Fundamentalistengruppen vielleicht darauf einigen könnten, in welchen Teilen der Welt sie künftig Krieg gegeneinander führen und in welchen nicht. Und zum Ausgleich für die von ihnen geforderte „Einschränkung der Kampfzone“ könnten wir Bürger ihnen dafür vielleicht in Zukunft ganz offiziell die Kriegslogistik produzieren, die sie brauchen, sowie den Siegern der jeweiligen Fundamentalkriege in gewissen Zeitintervallen (eine Generation?) die zivile Herrschaft über unsere bürgerlichen Religionsriten einräumen. Faktisch würde damit das meiste offenbar so bleiben, wie es heute ist. Doch unser fundamentalbürgerlicher Gewinn an Lebensrationalität (Demokratie-, Sicherheits-, Wohlstandsplanung) wäre in einer solchen territorialen Kompromissperspektive bestimmt um einiges höher zu veranschlagen als unsere ohnehin „mäßigen“ religionspolitischen Kosten.


II. Die Vermittlung einer Idee

Ob ein Gedanke politisch erscheint, hängt nicht bloß von seiner Qualität ab. Und ginge es allein darum, ob eine Idee sofort komplett von jedermann verstanden wird, hätten ja weder die großen Weltreligionen noch die historischen Revolutionen je eine Chance gehabt. Christliche Nächstenliebe, bürgerlicher Rechtsstaat, Marxens Diktatur des Proletariats, Gandhis Gewaltlosigkeit - solche und andere Gedanken waren ihrem Inhalt nach immer simpel und klar, jedoch zum Zeitpunkt ihrer Formulierung jeweils utopisch. Heute wiederum zirkulieren im globalen Medienäther tausend Politikideen gleichzeitig. Schon deshalb wäre es nicht gerade realpolitisch gedacht, sich auf die theoretische Substanz einer Idee zu berufen.

Nichtsdestoweniger wird aber heute politisch diskutiert, und zwar auf der Ebene politischer Theoriemodelle. Eine andere Welt ist möglich, heißt der entsprechende Grundslogan, und neben allen Alarmvisionen vom Ende der Geschichte, Kampf der Kulturen, Imperium der Angst usw. haben auch soziologisch komplexere Begriffe wie Risikogesellschaft, Globalisierungsfalle oder Generation Reform den Weg ins öffentliche Bewußtsein gefunden.

Um meine Idee der bürgerlichen Fundamentalkompromisse dem politischen Diskussionstest auszusetzen, möchte ich sie deshalb direkt an die genannte Modellebene anschließen. Zum einen hoffe ich nämlich, so dem unpolitischen Detailrealismus zu entgehen, der sich erfahrungsgemäß gern in der Frage verliert, wer denn „ganz konkret“ ab morgen früh die neue Weltpolitik machen soll - etwa Herr A oder Frau B? Zweitens läßt sich wohl auch der strategische Wert eines Modells eher dann besser einschätzen, wenn man ihn nicht an beliebigen Einzelproblemen misst, sondern an der strategischen Plausibilität anderer Modelle. Und drittens denke ich, dass es vor allem angesichts der heutigen Aufmerksamkeitsregeln besser ist, dem täglichen Feuilletonwunsch nach einer „umwälzenden, schlüssigen Vision“ lieber mit einem plakativen Politikbegriff entgegenzukommen als mit einer logisch vielleicht differenzierteren, aber dafür „unvorstellbaren“ These.


III. Inhalt und Gliederung

Der Zweck des geplanten Buchs besteht darin, ein übersichtliches Panorama dessen zu zeichnen, was man heute salopp, aber vom vielen Fernsehen vernebelt, die bürgerlichen Lebenswerte nennt. Dass dabei natürlich vor allem die Grenzen zu nichtbürgerlichen Lebens- und Todeswerten weit deutlicher hervorgehoben werden müssten als üblich, heißt freilich nicht, dass ich deshalb die innerbürgerlichen Reformdebatten für sinnlos hielte. Im Gegenteil: gerade weil hier bei uns, im reichen Westen, die politischen Probleme immer noch vorwiegend als Alltags-Hickhack erfahren werden, muss auch die grundsätzliche Alternative dort beginnen, wo die kleinen Widersprüche auftauchen. Deshalb möchte ich die Gesamtdarstellung meines Themas in drei Teile gliedern:

Im ersten Teil gehe ich, schon aus Gründen der Glaubwürdigkeit, von meiner eigenen Lage als Fernsehbürger und freiberuflicher Autor aus. Mit der Frage, warum ich persönlich eigentlich ein politisches Wir brauche, greife ich dann einige exemplarische Konzepte zur Reformpolitik auf (Beck, Nolte, Steingart) und versuche zu zeigen, warum kein Sachkonzept, egal ob wirtschafts- oder ordnungspolitisch aufgezäumt, das spezifisch weltbürgerliche Gemeinschaftsdenken ersetzen kann.

Im zweiten Teil durchstreife ich unseren bürgerlichen Grundwertekatalog. Hier geht es um langes Leben, Gesundheit, Freiheit, Wohlstand, Sicherheit, aber auch um Todes-, Armuts-, Leidenschafts- und Kampfgefahren, die wir Bürger prinzipiell durch Mäßigung zu mindern hoffen und deshalb im historischen Verlauf dazu gekommen sind, rationale Arbeit, demokratische Mehrheit und naturwissenschaftliche Wahrheit für die wertvollsten Lebensregeln zu halten. Die nichtbürgerlichen Gesellschaftsgruppen beschreibe ich, je nach ihrer (idealtypischen) Entfernung vom bürgerlichen Wertezentrum, als Klienten, Massen, Kapitalspieler, Fundamentalisten, Machtzyniker. Unsere selbstverschuldeten Gefahrenquellen sehe ich heute vor allem in der geduldeten Mischpropaganda für Ökonomismus und Irrationalismus (das Alles-ist-möglich!-Syndrom) sowie einer falschen Freund-Feind-Unterscheidung (meine diesbezügliche These: mit Kapitalspielern und religiösen Fundamentalisten wären wir selbständigen Bürger und Klienten grundsätzlich kompromissfähig, nicht jedoch mit Machtzynikern und Massen).  

Im dritten Teil beschreibe ich die „Systemgründe“ für die beiden genannten Hauptkompromisse genauer und diskutiere anhand einiger Zukunftsszenarien die „lebenswichtigen“ Gewinne und Verluste, um die es bei der Transformation in einen sportlichen Recycling-Kapitalismus und die Anerkennung begrenzter Religionskriege für uns Bürger geht.


IV. Darstellung

Die Zeit der Kompromisse soll ein Buch für Leser werden, die sich auch selbst schon für bürgerliche Lebensfragen interessieren. Insofern möchte ich keinen praktischen Ratgeber auf Denk-dich-fit-Niveau liefern noch einen akademischen Begriffe-Slalom für Eingeweihte. Aber Philosophie bleibt das, was ich politisch anzubieten habe, trotzdem - und zwischen einem missionarisch erregten "Weltethos" (Hans Küng) oder dem gemütlich pfeiferauchenden "globalisierten Menschen" (Rüdiger Safranski) liegen ja immer noch Welten. Ich persönlich bin jedenfalls, was unsere bürgerlichen Überlebenschancen angeht, besorgt und zuversichtlich zugleich. Deshalb versuche ich, eine Sprache zu finden, die vor allem das politische Vorstellungsvermögen anregt. Weil unsere objektiven Sorgengründe hinreichend bekannt sind, mit möglichst wenig Zahlen und Statistik - doch weil es schwer ist, allein mit rationaler Klarheit eine neue Perspektive zu gewinnen, zugleich mit möglichst vielen gesellschaftlichen Bildern.

 

 

Also: Falls jemand Lust hat, an diesem Thema alleine oder mit mir weiterzuschreiben, fände ich das spannend. Das copyright ist mir in diesem Fall wurscht, allerdings fände ich eine kleine Benachrichtigung schön.