Realismus, bürgerlich
oder: Vorschläge zur politischen Zielbestimmung
Gefühlssachen
Mein Freund Klaus ist Unternehmer. Gepflegter Mittelstand, sagt er schmunzelnd, wenn er mir seinen neuen Porsche präsentiert oder Fotos von seiner alten Teneriffa-Finca zeigt. Er könne auch jetzt
schon, sagt er, ohne weiteres aufhören zu arbeiten, aber er macht weiter, aus Verantwortung für seine vierzig Angestellten. Oft schimpft er über die „Deppen in Berlin“, keine Ahnung vom Geschäft
usw., aber gejammert hat er eigentlich noch nie. Im Gegenteil, nach dem Tennis, wenn wir über Gott und die Welt quatschen, amüsiert er sich meistens über meine „Philosophenskepsis“. Manchmal bringt
er mich sogar, trotz unserer sachlichen Meinungsunterschiede, dazu, mich selbst für übertrieben ängstlich zu halten.
Neuerdings jedoch wirkt Klaus oft ein bisschen angefressen. Als er mir kürzlich von einem seiner Mittelstandskongresse erzählte, bei dem es um die Abwehr internationaler Großaufkäufer gegangen sei,
wurde er sogar richtig ausfallend. „Diese Arschlöcher“, sagte er über seine Kollegen, aber es klang eher deprimiert als zornig. „Diese Arschlöcher sehen doch gar nicht, was auf uns zukommt.“
Komischerweise war ich nicht besonders froh darüber, dass er auch mal meiner Meinung war. Wie er aussah, hatte ich vielmehr das dumpfe Gefühl, nun sogar ihn als Muntermacher verloren zu haben.
Fernsehbilder
Unsere Talkshow-Welt streitet mit Hingabe. Wirtschaft gegen Soziales, Industrie gegen Kultur, Expertise gegen Volksmeinung. Ohne Wachstum keine Stabilität, rechtfertigen Politiker ihre
strategischen Unklarheiten. Ohne Profit keine Arbeitsplätze, präzisieren Unternehmer kühl, und Gewerkschafter spitzen die Sache genau andersherum zu. Wohin die permanente Streitkultur führen soll,
weiß niemand genau.
Trotzdem, das Ganze ist richtig, sagen liberale Professoren. Denn es ist Demokratie, offene Konkurrenz, individuelle Chancengleichheit. Auch wer Pech hat, bekommt schließlich noch 347 Euro im
Monat.
Trotzdem, das Ganze ist falsch, sagen kritische Wissenschaftler. Denn Demokratie ist heute nur noch ein Wort für massenhafte Vereinzelung, unfähig zu sozialer Gestaltung und notwendiger Gemeinschaft.
Und das mit den 347 Euro sei doch wohl ein Witz.
Uns bürgerlichen Zuschauern erscheint der öffentliche Talkshowrummel verworren, doch privat ignorieren wir ihn. Geld verdienen, Urlaub machen, Kinder großziehen. Hartnäckige Alltagstauglichkeit,
könnte man sagen, ist unsere größte politische Tugend, und genau deshalb empfinden wir ja in der Tagesschau auch noch den fernsten Indio, der irgendwo im peruanischen Hochland stoisch seine Hacke
schwingt, irgendwie als Mitbürger.
Allerdings zeigt uns die Tagesschau auch zunehmend unbürgerliche Bilder. Terrorflieger krachen in Wolkenkratzer, Staatsdiener küssen Wirtschaftsverbrecher, Männer in abenteuerlicher Kleidung befehlen
den Heiligen Krieg. Kindersoldaten starren hungrig in die Kamera, an manchen Abenden ziehen stundenlang fanatische Narrenhorden durchs Programm. Fernsehen wie im Mittelalter sozusagen. Und an solchen
Abenden spüren wir mitunter, dass selbst eine deutsche Bundesregierung, die alles richtig machte, nur noch ein Fitzelchen der Probleme im Griff hätte, deren Lösung wir ihr anvertraut haben.
Gesellschaftstheorie
Schon vor über zwanzig Jahren hat der bürgerliche Sozialphilosoph Jürgen Habermas diese Probleme präzise benannt. „Die Zukunft ist negativ besetzt; an der Schwelle zum 21. Jahrhundert zeichnet sich
das Schreckenspanorama der weltweiten Gefährdung allgemeiner Lebensinteressen ab: die Spirale des Wettrüstens, die unkontrollierte Verbreitung von Kernwaffen, die strukturelle Verarmung der
Entwicklungsländer, Arbeitslosigkeit und wachsende soziale Ungleichgewichte in den entwickelten Ländern, Probleme der Umweltbelastung, katastrophennah operierende Großtechnologien geben die
Stichworte.“ Und weiter: „Die Waffentechnologie und das Vordringen in den Weltraum, die Genforschung und der biotechnische Eingriff in menschliches Verhalten, Informationsverarbeitung, Datenerfassung
und neue Kommunikationsmedien sind von Haus aus Techniken mit zwiespältigen Nebenfolgen. Und je komplexer die steuerungsbedürftigen Systeme werden, umso größer wird die Wahrscheinlichkeit
dysfunktionaler Nebenfolgen. Wir erfahren täglich, dass sich Produktivkräfte in Destruktivkräfte, Planungskapazitäten in Störpotentiale verwandeln.“
Als aufgeklärter Bürger konstatiert Habermas ungerührt auch das Fortbestehen des „Klassenantagonismus“ sowie „die Grenzen des sozialstaatlichen Projekts“. Zum einen nämlich habe sich „der
Nationalstaat von Anfang an als ein zu enger Rahmen erwiesen, um die keynesianischen Wirtschaftspolitiken nach außen, gegen die Imperative des Weltmarkts und die Interventionspoltik weltweit
operierender Unternehmen hinreichend abzusichern.“ Und ebenso sei der Sozialstaat nach innen gefährdet, weil er gerade in Zeiten verschlechterter Rentabilität und fallender Wachstumsraten „umso
deutlicher auf den Widerstand der privaten Investoren stößt.“ Doch „weil der Sozialstaat die Funktionsweise des Wirtschaftssystems unangetastet lassen muss“, habe er keine Möglichkeit, „anders als
durch systemkonforme Eingriffe Einfluss zu nehmen.“ Andere Gesellschaftskräfte, und hier denkt Habermas ausdrücklich an jene mit „Macht und Geld“, könnten freilich ihren Einfluss geltend machen, und
somit habe vor allem „die neokonservative Politik eine gewisse Chance der Durchsetzung“, wobei allerdings mit sozialpolitischen „Funktionslücken“ zu rechnen sei, „die nur durch Repression oder
Verwahrlosung geschlossen werden könnten.“ - Betrachtet man die heutige Lage in den USA, Europa, oder speziell in Deutschland mit Hartz IV und Infrastrukturvermarktung, hat Jürgen Habermas also schon
ziemlich früh die Entwicklungen, die der bürgerlichen Gesellschaft gefährlich werden können, ziemlich realistisch eingeschätzt.
Doch merkwürdigerweise sagt Habermas mitten in seiner Analyse auch folgendes: „Aber nicht mit der seit den siebziger Jahren veränderten Konstellation will ich mich beschäftigen, sondern mit den
inneren Schwierigkeiten, die dem Sozialstaat aus seinen eigenen Erfolgen entstehen.“ Und tatsächlich formuliert er dann ebenso detailliert wie philosophisch anspruchsvoll, dass heute eigentlich nur
noch die Gruppe der „dissidenten Wachstumskritiker“ in der Lage sei, gegen die Systeme von Macht und Geld die „normative Utopie einer kommunikativen Alltagspraxis“ zu entwickeln, „welche die
Beteiligten selbst in die Lage versetzen könnte, konkrete Möglichkeiten eines besseren und weniger gefährdeten Lebens nach eigenen Bedürfnissen und Einsichten aus eigener Initiative zu
verwirklichen.“
Schon damals hat mich diese überraschende Perspektivendrehung ziemlich aus der Fassung gebracht. Zwar hatte ich gut verstanden, dass Habermas grundsätzlich der Erhalt des bürgerlichen Sozialstaats am
Herzen lag, und nicht nur der Nachweis seiner fortbestehenden Kritikwürdigkeit. Gleichfalls teile ich bis heute Habermas´ Ansicht, dass unserer Gesellschaft eine „utopische Dimension von
Geschichtsbewußtsein“ sicher gut täte, weil sich sonst „eine Wüste von Banalität und Ratlosigkeit ausbreitet.“ Doch wenn eine Utopie vor allem auf Normen selbständiger Kommunikation abzielt,
so verstehe ich zum einen nicht, wie man überhaupt von „Normen“ erwarten kann, dass sie jemanden „in die Lage der Selbständigkeit versetzen“. Und wenn Habermas als amtierender Quasi-Chef deutscher
Sozialkritik seine eigene, höchst aktuelle „Gefahrentheorie der Gesellschaft“ kurzerhand so umdeutet, als seien nicht mehr Interessenkonflikte, sondern Ausdrucksdefizite das Problem, dann kommt es
mir bis heute so vor, als laute seine Utopie im Klartext doch wohl eher: Wenn wir die gefährlichen Probleme nicht hätten, die wir haben, könnten wir ja die interessanten Probleme lösen, die wir gerne
hätten. - Nur leider, siehe oben, haben wir die gefährlichen Probleme immer noch.
Was also sollen wir Bürger tun?
Sollen wir weiter arbeiten, Geld verdienen, Kinder erziehen - und im übrigen hoffen, dass uns die unbürgerlichen Fernsehbilder nicht allzu nah auf den eigenen Urlaubspelz rücken?
Reicht es, wenn wir moralisch sauber bleiben? Wenn wir mit persönlicher Pflichterfüllung und gesunder Ernährung der irrenden Umwelt ein Beispiel geben, dass man auch ohne Hektik und Konsumgier prima
leben kann?
Sollten wir mal wieder kommunistisch wählen? Oder ab jetzt starke Männer wie Putin und Sarkozy?
Sollen wir etwa selbst Politik machen? In eine traditionelle Volkspartei eintreten oder eine dieser bunten Alternativgruppen mitgründen?
Nun, das alles wird heute getan, von diesen Bürgern so, von jenen anders. Und egal, ob das, was jeder Bürger tut, gut oder schlecht ist, es gehört zu unserer bürgerlichen Lebenswirklichkeit, es ist
real. Doch sind wir Bürger deshalb auch schon realistisch? - Aus zwei Gründen muss diese Frage, meiner Ansicht nach, derzeit verneint werden.
Der eine Grund besteht darin, dass Realismus, gleich welchen Inhalts, immer ein spekulatives Denken ist. Wer realistisch denkt, denkt nicht nur daran, was gerade jetzt wirklich ist (denn dann
bräuchte man ja gar nicht zu denken, sondern nur hinzuschauen). Sondern der Realist denkt immer auch in die Zukunft und ja, er spekuliert auch darauf wie ein Utopiker, nur eben mit mehr
Erfahrungsanteilen, dass die Wirklichkeit von heute schon morgen vielleicht ganz anders sein könnte. Das Wetter, die Börse, der nächste Autobahnstau, die eigene Gesundheit - nichts wäre realistisch
zu beurteilen, wenn es nur danach ginge, was bisher der Fall war. Die deutsche Parteienlandschaft, das chinesische Wirtschaftswunder, der türkische EU-Beitritt, all das befindet sich heute in einem
bestimmten Realzustand - doch Realisten aller Couleur sind bekanntlich sehr verschiedener Meinung darüber, wie diese Zustände in fünf Jahren aussehen könnten. Mag also ein Realist eher pessimistisch
denken wie Edward Murphy (Was schief gehen kann, geht schief!) oder zuversichtlich wie Teilhard de Chardin (Das Schlimmste ist nicht immer das Gewisseste!) - auf keinen Fall wird er je die reale
Zukunft für so festgelegt halten wie seinerzeit Maggie Thatcher mit ihrem primitiven TINA-Glauben (There is no alternative!)
Der andere Grund liegt, wie schon angedeutet, darin, dass privater Realismus, so zutreffend er sein mag, nie die gesellschaftliche Realität abdeckt. Neben unserem Einzeldasein als Mutter oder Vater,
als Freiberufler, Staatsbeamtin, Wissenschaftler usw. gibt es ja auch unsere gemeinsame Existenzweise, unsere gesamtbürgerliche Lebensform. Doch gerade im Hinblick auf diese Dimension scheint sich
das Denken heutiger Bürgerhirne immer noch in den traditionellen Entfesselungsträumen zu wiegen. Kräfte freisetzen! Grenzen erweitern! Spielräume ausdehnen! - Es ist nicht völlig klar, woran das
liegt - intellektuelle Trägheit, tägliches Werbefernsehen, latente Revolutionserinnerungen? - doch im Kern aller Sozialideen, die heutzutage in zivilen Kreisen als zukunftsfähig diskutiert werden,
spuken nach wie vor unsere frühbürgerlichen „Bewegungs“-Utopien herum.
Wenn wir aber nicht bloß ans Private denken, sondern daran, dass auch unsere Gemeinschaftsrealitäten - vom funktionierenden Kapitalismus über Demokratie, Rechtsstaat bis hin zu den Ökosystemen - vor
allem stabil bleiben müssen, damit wir als Bürger weiterleben können, scheinen folglich einige Zweifel angebracht, ob ausgerechnet unsere alten „Emanzipations“-Ideale uns künftig noch von
Nutzen sein können.
In fünf Punkten
möchte ich diese Zweifel zunächst konkretisieren, als Kritik spätbürgerlicher Blütenträume sozusagen.
1. Es ist unrealistisch, die derzeit ausprobierten Staatsreformen für Schritte in die richtige Richtung zu halten. Auch eine effektive deutsche, italienische, brasilianische Steuerreform zum Beispiel
wäre ja immer noch eine Nationalreform. Und selbst wenn sich, gegen jede Wahrscheinlichkeit, alle globalisierten Wirtschaftsnetze wieder zu „echt patriotischen“ zurückentwickelten, hätten wir
folglich bestenfalls die Neubelebung eines internationalen Konkurrenzkampfs zu erwarten. Doch Nationen, und das träfe ebenso auf europäisch oder asiatisch erweiterte „Wir-Gemeinschaften“ zu,
halten nicht aus rationalen Motiven zusammen. Sie brauchen ideologischen Kitt. Mit Reformen auf Nationalstaatsebene, gerade wenn sie erfolgreich wären, wäre daher nur der Rückfall in irrationale, und
das heißt rational unlösbare Konkurrenzkämpfe (clash of civilisations) garantiert.
2. Es ist unrealistisch, unsere heutigen Volkswirtschaften für wachstumsschwach zu halten. In fast allen Branchen wächst vielmehr die Produktivität so stetig, dass es schon lange kein ökonomisches
Problem mehr wäre, die gesamte Weltbevölkerung komfortabel mit Lebensmitteln zu versorgen. Eben wegen dieser kontinuierlichen Produktivitätssteigerung wächst freilich auch die Menge an „freiem“
Kapital und „freien“ Arbeitskräften. Könnten „Arbeitslose“ ohne Geldbesitz gut leben und müsste freies Kapital nicht immer „spekulativer“ und „virtueller“ nach Anlage suchen, hätten wir folglich
höchstens ein ökologisches Wachstumsproblem. So jedoch leiden wir heute vor allem an Absatzrückgang, Konsumflaute, Vernichtungskonkurrenz, kurz: Überproduktion - und das ist, ganz
realökonomisch, das Gegenteil von Wachstumsschwäche.
3. Es ist unrealistisch zu glauben, dass alle Menschen wie „wir“ sein möchten. Menschen wie Bin Laden, Bush, Putin etc. wollen keine Bürger sein. Sie streben nach (ihrer) Herrschaft über das Gesetz,
nicht nach Gesetzesherrschaft. Auch Menschen, die im Alltagsleben lieber religiösen als demokratischen Prinzipien folgen, sind ebensowenig moderne Bürger wie Menschen, die für sonstige Ideologiewerte
eigenes oder fremdes Leben opfern. Da es jedoch heute Milliarden erwachsener Frauen und Männer auf der Welt gibt, die in diesen Punkten grundsätzlich anders denken und handeln als „wir“, sollten wir
Bürger uns im Umgang mit ihnen also besser auch selbst nicht mehr schlicht als „normale Menschen“ begreifen.
4. Es ist unrealistisch, jeden Bürger für mündig zu halten. Es gibt dumme Bürger, faule Bürger und Bürger, die aus anderen Gründen nicht in „freier Selbstbestimmung“ leben können oder wollen. Doch
abhängige, konfliktscheue, entscheidungsschwache Bürger gehören ebenfalls zu „uns“, und ohne ihre solidarische Sozialintegration sähe auch ein selbstbewußter Paradebürger wie Olaf Henkel, der
angeblich schon als Baby „mehr Autonomie!“ forderte, ziemlich schnell alt aus. Nicht nur, weil unsere „freien und geheimen“ Wahlrituale immer leerer laufen, sollten wir Bürger daher endlich auch
unser kleines Demokratiegeheimnis öffentlich anerkennen, nämlich dass trotz juristisch-ideologisch hoch individualisierter Verhaltensnormen unser wirkliches Gesellschaftsleben immer noch weitgehend
„familien-“ und „clan“-abhängig funktioniert.
5. Es ist unrealistisch, die bürgerliche Zukunft für „grundsätzlich offen“ zu halten. Technische und künstlerische Erfindungen wird es auch morgen noch geben und politische Überraschungen sowieso.
Doch der Gedanke, „alles“ könne im Prinzip stetig fortschreiten, ist naiv. Schon heute blockieren sich natur- und gesellschaftswissenschaftliche Fortschritte gegenseitig, und wo die neue
Computergeneration gerade ein bisschen Organisations- und Arbeitszeit erleichtert hat, frisst die neueste schon wieder Lern- und Lebenszeit. Auch persönliche Flexibilität, kulturelle Anpassung lassen
sich nicht endlos steigern, geschweige denn die biologischen Kreisläufe sich in ewiges Wachstum überführen. Besser also, wir Bürger sehen ein, dass auch unser „allgemeines“ Fortschrittsdenken Grenzen
hat, und dass gerade dann, wenn wir nach „qualitativem“ Fortschritt suchen, es immer vorrangig um die Definition (= Grenzbestimmung) von gut oder schlecht ginge und erst danach um viel oder
wenig.
Illusionen zu kritisieren
heißt nicht, dass schon deshalb die eigenen Ansichten realistisch wären. Dennoch bin ich überzeugt, dass wir Bürger uns in Zukunft nicht mehr leisten können, Politik ohne bestimmte Zielsetzungen zu
machen. Denn wenn wir uns keine Ziele setzen: die nichtbürgerlichen Gruppen tun es, und zwar nicht für uns. „Putin hat nichts gegen Demokratie - sie ist ihm gleichgültig“ hat ein russischer Politiker
noch kürzlich das Ethos seines autokratischen Langzeitchefs auf den Punkt gebracht. Ebenso streben die neuen US-Cäsaristen keine globale Parlamentsreform an. Vielmehr wollen sie, als
militärindustriell organisierte Machtclique, die Welt beherrschen - und genau das wollen, auf ihre Weise, auch die neuen islamistischen Gotteskrieger. Und obgleich unsicher ist, ob sie ihre Ziele je
erreichen, tun die Mitglieder all dieser Gruppen auch viel dafür, um zumindest sich selbst diese Ziele deutlich vorstellen zu können - und: sie tun es nicht als „rational denkende
Privatleute“, sondern als „Umma“, als religiöse Weltgemeinde bzw. vielfältig „verschworene“ Interessengemeinschaft.
„Wir“ dagegen, die heutige Bürgergesellschaft, haben solche bestimmten Zielvorstellungen nicht. Wir stellen uns, im Zweifelsfall, noch immer ganz liberal alles Mögliche vor. Doch wenn wir nicht
einsehen, dass unsere liberalbürgerliche Vorstellungswelt weder aus der Weltsicht hochgerüsteter Machtzyniker noch aus der Perspektive paradiesgläubiger Muslimbrüder besonders erhaltenswert
erscheint, wird uns auch unsere erfolgreichste Gesundheitsreform nicht mehr lange gesund erhalten. Und wenn wir außer unseren Nationalfinanzen nicht auch uns selbst (wieder) als internationale
Interessengruppe bzw. weltbürgerliche Klasse stabilisieren, wird uns auch die Totalabschaffung lästiger Nebenkosten nicht mehr lange konkurrenzfähig erhalten. Denn so, wie es derzeit
funktioniert, geht es vielleicht noch zehn bis fünfzehn Jahre. Doch dann werden unsere demokratischen Rechtsstaaten ausgehöhlt sein, und unsere produktiven Volkswirtschaften werden nach der Pfeife
globaler Finanzspekulanten und verschwenderischer Militärchefs tanzen. Und die Erhaltung unserer ökologischen Naturschätze werden wir schon deshalb in den Schornstein schreiben können, weil eine
religiös orientierte Menschheitsmehrheit sich erfahrungsgemäß weitaus stärker für die Natur des Jenseits interessiert.
Zwischenbemerkung: Diese Prognose ergibt sich natürlich nicht aus den objektiven Daten, sondern ist eher eine soziologische Zusatzwette. Ich wäre aber bereit, sie gegen jede liberalbürgerliche
Zukunftsbehauptung einzugehen.
Um trotzdem positiv zu denken
schlage ich daher fünf strategische Bürgerziele vor.
1. Statt uns als deutsche, chinesische, amerikanische Bürger durch „vertikale“ Grenzzäune von uns selbst abzugrenzen (und damit zugleich „in schlechter Gesellschaft“ mit unseren jeweiligen
nichtbürgerlichen Nationalgruppen zu bleiben), sollten wir darauf hinarbeiten, uns als transnationale Weltbürgerschaft zu organisieren. Es ginge also darum, uns gleichsam „horizontal“, als globale
Mittelschicht des gemäßigten Bürgertums, von den deutlich extremistischeren Grund- und Höchstwertgruppen der Weltgesellschaft zu unterscheiden.
Angesichts der bekannten „Ego“-Mentalität heutiger Bürgerorganisationen erscheint dieses Ziel auf Anhieb sicher noch unrealistischer als zum Beispiel die Habermas/Derrida-Vision einer
„kerneuropäischen Rechtsgemeinschaft“ oder der „kosmopolitische Blick“ des Soziologen Ulrich Beck. Stellt man sich jedoch tatsächlich eine interessengeleitete Bürgerpolitik vor, so dürfte
schon aus aller sozialpsychologischen Erfahrung heraus eine gegen nichtbürgerliche Gruppen deutlich abgegrenzte Selbsterhaltungsstrategie zumindest mittelfristig erheblich mehr Zustimmung
finden als alle noch so progressiv gemeinten „One World-“ oder „Weltethos“-Projekte.
2. Statt durch rein reflexhaftes Konkurrenzverhalten immer mehr Gesellschaftsteile von unserer bürgerlichen Wirtschaftswelt abzuspalten (nach unten die unprofitablen Sozial- und Kulturberufe, nach
oben die spekulativen Großinvestoren), sollten wir versuchen, auch diese „unproduktiven Extrembereiche“ wieder ökonomisch zu integrieren.
In der Wirtschaftstheorie gibt es für das Problem der produktivitätsbedingten Sozialkonflikte bislang keine stabilisierungstaugliche Lösung. Sozialistischer Klassenkampf und neoliberales Wachstum für
alle sind inzwischen theoretisch wie praktisch überholte Modelle. Was als „schöpferische Zerstörungs“-These (Schumpeter) zwecks periodischer Spannungsmilderung zwischen Kapital- und Sozialinteressen
heute wieder neumodisch nachgeplappert wird, hat in der geschichtlichen Realität fast immer Krieg und volkswirtschaftliches Chaos bedeutet. Selbst die soziale Marktwirtschaft in ihrer Form als
rheinischer Partnerschaftskapitalismus verhindert das anarchische Auseinanderklaffen der Armut/Reichtum-Schere immer weniger. Um eine ordentlich-friedliche Abfederung der im Kapitalismus
unvermeidlichen Produktivitäts- und Konkurrenzdynamik zu erreichen, erscheint daher zunehmend ein Wirtschaftskonzept logischer, das die Spannungsmilderung von vornherein im unproduktiven Bereich
sucht, also quasi in einem wirtschaftspolitischen „Kurzschluss“ zwischen dem nichtinvestiven Güterkonsum einerseits und den ökonomisch überflüssigen Spekulationskapitalmengen andererseits.
Die Akzeptanz einer solchen Kurzschlusspolitik ist seitens der wirtschaftlich schwachen Gruppen heute zweifellos vorhanden. Gegenüber der wirtschaftlich stärksten Gruppe, die als global
players hauptsächlich spekulatives Kapital einsetzt, wird ja ohnehin schon regelmäßig „gefordert“, die „soziale Verpflichtung“ ihres Eigentums ernst zu nehmen. Doch eine moralische Druckpolitik
fördert, psychologisch ebenfalls verständlich, erfahrungsgemäß eher die soziale Verhärtung der Angesprochenen oder bestenfalls ein privatistisch willkürliches Spendenwesen.
Nähme man dagegen gerade das Spielmotiv der global players grundsätzlich etwas ernster als es bis heute der Fall ist, so könnte vielleicht ein „friedlich-ordentlicher“ Sozialtransfer eher
dadurch erreicht werden, dass man die großen Spieler für ihre individuelle Wirtschaftsleistung auch ganz offiziell und mit entsprechend globalen Ehrenbezeugungen feiert. Der weltwirtschaftliche
new deal läge mithin eher auf sportlicher denn auf moralischer Ebene: Die global winners der einzelnen Wirtschaftsbranchen würden, etwa nach olympischem Vorbild, alle fünf bis zehn
Jahre mit großem Pomp weltöffentlich geehrt - und im Austausch für diese „maximale“ persönliche Ehrgeizbefriedigung fiele es möglicherweise vielen der heutigen „Groß“-Kapitalisten wesentlich
leichter, ihr jeweilig „freies“ Spekulationskapital, und nur um diese „ökonomisch überflüssigen“ Kapitalmengen ginge es ja, institutionell und ebenso feierlich in die global notleidenden Sozialkassen
zu überweisen.
Als kulturelles Vorbild eines unproduktiven Kapitalkreislaufs, der weder den täglichen Lebenseifer einer Gesellschaft lähmt noch zu den sozialen Widersprüchen einer produktivitätsbedingten
Vernichtungskonkurrenz führt, werden meist die traditionellen potlach-Feste nordwestamerikanischer Indianervölker genannt. Denkt man freilich beispielsweise an den internationalen
Formel-1-Zirkus, an die Weltraumtechnik oder die so genannte Grundlagenwissenschaft (vor allem im „Teilchenbeschleuniger“-Bereich), und denkt man überhaupt an all die „sündhaft teuren“ Politik-,
Architektur- und Religions-“Events“ der Jetztzeit, so funktioniert die feierliche Verschwendung ökonomischer Überflussgüter und -kapitalien offenbar in modernen Industriestaaten genauso -
nur eben ohne sozialpolitische Absicht. Wenn also der erfolgreiche Kapitalspekulant George Soros, einer der größsten winners aller Zeiten, genau diese Absicht heute mit seinem „globalen
Sozialfonds“-Projekt praktisch zu fördern begonnen hat, mag es sich vorläufig auch noch um einen „willkürlichen“ Einzelfall handeln. Doch wenn die absolut unproduktive Zerstörung, die der wachsende
Konkurrenzdruck im Weltkapitalismus anrichtet (Staatspleiten von Indonesien bis Argentinien, Milliardenverpuffung von Enron bis Vodafone, Produktmonopoly von Gates bis Gazprom), weitergeht wie
bisher, dann lässt sich vielleicht eine unproduktive Ehrungskultur, mit der das stetig wachsende Spiel(er)kapital der Weltwirtschaft in eine sozialintegrative und
konkurrenzfördernde Kreislaufdynamik gebracht werden kann, nicht mehr lange als simple Sportlerutopie abtun.
3. Statt fruchtlos unsere „allgemeine“ Menschenrechts-Exportpolitik fortzuführen, sollten wir Bürger in Zukunft eher versuchen, uns mit den nichtbürgerlichen Gruppen der Weltgesellschaft auf
„begrenzte“ Grundwertkompromisse zu verständigen.
Nicht erst der neuere Terrorismus hat gezeigt, dass unsere bürgerlichen Hauptwerte relativ sind. Wenn „wir“ das Leben, speziell das einzelne Menschenleben als wertvollstes Gut schätzen, andere
Gruppen jedoch, teilweise aus „tiefer Überzeugung“, menschliches und anderes Leben wegen metaphysischer Ideale opfern, dann haben nicht „alle Menschen“ die gleichen Grundwerte, ganz gleich, was
bürgerliche Philosophen dazu sagen.
Wie aber könnten wir Bürger die heutigen Glaubenskrieger (westliche wie östliche) dazu bringen, „uns“ weltweit in Frieden zu lassen? Warum sollten gerade diese Kriegergruppen, die sich ja „letztlich“
durch ihre irrationale Todes- und Tötungsbereitschaft die Macht über andere Menschen sichern, auf unsere bürgerlich individuellen Lebenswünsche eingehen?
Da wir Bürger rational denken, sollten wir zunächst unsere eigene Machtgrenze anerkennen: Gegen Menschen, die bereit sind, für die Herrschaft ihrer Ideologie sogar ihr eigenes Leben zu opfern, gibt
es, außer der Anwendung gleicher Gewalt, überhaupt keine bürgerliche Übermacht. Da allerdings auch wir rational denkenden Bürger niemals ganz ohne Glaubenswerte auskommen, sollten wir zweitens
anerkennen, dass Glaubenskrieger, seien es fundamentalistische US-Präsidenten oder arabische Islamisten, ihre Kriege zumindest teilweise immer auch stellvertretend für uns amerikanische oder
arabische Bürger führen.
Da es beim Glaubenskrieg wesentlich um Ideologie geht, können „wir“ jedoch andererseits auch rational unterstellen, dass selbst herrschsüchtige Ideologen nur über lebende Menschen herrschen können,
folglich kein grundsätzliches Interesse daran haben dürften, „irgendwen“ zu töten, sondern am liebsten ihre ideologischen Gegner töten würden. Außerdem können wir unterstellen, dass sogar wild
entschlossene Gotteskrieger Nahrung, Häuser, nicht zuletzt Waffen brauchen. Sie sind faktisch auf „unsere“ produktive Arbeit angewiesen, sonst hätten sie in ihrem Ideologiekrieg keinerlei
Siegeschance. Falls sie weiterhin uns Bürger töten, schwächen sie damit, zumindest tendenziell, ihre eigene Logistik.
Da beim heutigen Niveau der Waffentechnik auch ein Religionskrieg leicht zum Weltvernichtungskrieg eskalieren kann, können wir somit davon ausgehen, dass selbst Glaubenskrieger eher daran
interessiert sind, hier auf Erden ihre Glaubensherrschaft praktisch auszuüben, als durch einen, etwa atomaren, Vernichtungsschlag die Existenz jeglichen Staates, also auch ihres eigenen
Gottesstaates, zu riskieren. Wir religiös „gemäßigten“ Bürger, die an einem Gottesstaat nur mäßig interessiert sind, könnten daher den ideologischen Glaubenskriegern in West und Ost folgenden
Fundamentalkompromiss anbieten: Das weltweite Glaubenskriegsgebiet wird, um zum Beispiel an ein Realszenario von heute anzuknüpfen, auf große Teile Innerasiens beschränkt. Dort könnten die
Glaubenskrieger aller Richtungen also künftig Krieg gegeneinander führen wie sie wollen und auch nach ihren jeweils eigenen Kriegs- und Glaubensgrundsätzen über Sieg und Niederlage entscheiden.
Allerdings: warum sollten sich gerade irrational motivierte Krieger auf diese rationale Beschränkungslogik einlassen? Nun, vor allem deshalb, weil darin auch für sie ein großer Vorteil läge. Sie
könnten nämlich in Zukunft genau das tun, was Menschen ihrer Art am wichtigsten ist. Denn könnten wir gemäßigten Weltbürger dann überall sonst, was für uns am wichtigsten ist, grundsätzlich
„diesseitig“ leben und unsere eigene Todesgewalt-Praxis aufs Polizeiliche beschränken, so bestünde für alle Glaubenskrieger der Gewinn darin, dass sie ihre irrationalen Grundsatzkriege unmittelbar
und ungehemmt mit ihren ideologischen Hauptfeinden austragen könnten, ohne sich um „unsere“ demokratischen, menschenrechtlichen oder sonstwie für sie lästigen „Maßregeln“ kümmern zu müssen.
Neben einem deutlichen Absinken unserer eigenen Kriegswirtschaftsgewinne (die ja gerade durch die globale Vermischung von Kriegsangst und Kriegsbereitschaft heute so hoch sind wie sie sind)
wäre allerdings auch für uns religiös gemäßigte Weltbürger der Preis für diesen Fundamentalkompromiss ziemlich hoch. Denn nach einem erfolgreichen Glaubenskrieg würden die Sieger ja,
verständlicherweise, ihre Glaubensherrschaft auch politisch ausüben wollen. Da die gegnerischen Glaubenskrieger jedoch unterlegen bzw. tot wären, müssten wir Bürger, rationalerweise, den siegreichen
Glaubenskriegern also wohl wenigstens eine friedliche Ideologieherrschaft zugestehen.
Anders als heute könnte es folglich dazu kommen, dass wir religiös gemäßigten Weltbürger eventuell ein muslimisches Bildungsfernsehen in Europa oder eine christliche Vorschulpropaganda in Arabien
tolerieren müßten. Und je nachdem, ob unser bürgerliches Alltagsleben dadurch tatsächlich „extrem“ beeinflusst würde oder nicht, müssten dann, vielleicht nach Ablauf einer Generation, die religiösen
Grundsatzkriege von „extrem gläubigen“ Menschen jeweils wieder neu in den „begrenzten Gebieten“ ausgefochten werden - als weltpolitisches Ventil unserer eigenen christlich-bürgerlichen,
muslim-bürgerlichen, hindu-bürgerlichen „Restideologie“ sozusagen.
Dass beim Zustandekommen einer solchen Kriegsgebietsbegrenzung die Zwangsumsiedlung der betroffenen Regionalbürgerschaften und ihre dauerhafte Integration in die globalen Friedensgebiete ernste
Probleme schaffen würde, versteht sich von selbst. Neben dem Hinweis auf die realen Migrationsprobleme von heute könnte man in diesem Punkt freilich ebenso die positive Rechnung aufmachen: Wenn
bürgerliches Leben in den heutigen Kriegsgebieten bedeutet, mit einer permanent hohen Wahrscheinlichkeit von Bombenangriffen, Massakern, Plünderung und Infrastrukturzerstörung bedroht zu sein, dann
könnte der Verlust solcher „Heimatgebiete“ vielleicht, sogar von den Betroffenen selbst, auch als das kleinere Übel empfunden werden.
Zusatzbemerkung zum heutigen Politikrealismus: Wenn laut aktueller Bundeswehrdoktrin Deutschland am Hindukusch verteidigt wird, warum sollte der Hindukusch Abstand davon nehmen, sich in Deutschland
zu verteidigen?
4. Was unseren zweithöchsten Wert, die individuelle Freiheit, betrifft, sollten wir Bürger in Zukunft besser darauf verzichten, uns durch eine immer irrationalere und dogmatischere Propaganda selbst
zu täuschen.
Individualismus, auch echte Individualität, sind ja nur in und durch Gesellschaft möglich. Und beides sind lediglich Luxuswerte, emotionale „Einbildungen“ gleichsam, durch welche sich vielleicht ein
relativ selbständiger von einem relativ unselbständigen Menschen genussvoll unterscheiden kann. Doch praktisch ebenso wie aufs gesellschaftliche Ganze gesehen können wir einzelnen Wirtschafts- und
Kultur-, Elite- und Normalbürger uns nur miteinander ein relativ gutes Leben schaffen.
Statt uns durch ideologische Konkurrenz um immer „eigenwilligere“, „höchstpersönliche“ und „ganz allein meine“ Stilfreiheiten gegenseitig verrückt zu machen, sollten wir Bürger daher, im Zeitalter
von Risikotechnologien, Staatsversagen und Medienhysterie, unseren individuellen Freiheitszirkus möglichst bald um eine ähnlich eifrige Debatte bezüglich unserer gemeinsamen Sicherheit
ergänzen. Betrachten wir auch dieses Phänomen tatsächlich als einen Wert, den es gesellschaftlich zu pflegen gilt? Oder nicht eher doch bloß als staatliche Routineleistung? Und wären wir wirklich
fähig, uns notfalls „ kollektiv selbständig“ zu organisieren? Oder erwarten wir diese Leistung nicht kindischerweise immer noch von einem wohlmeinenden Fachminister? Bei dieser Debatte könnten dann
vielleicht auch erstmals wieder einzelne Einschränkungen individueller Meinungsfreiheit nützlich sein - nämlich dahingehend, dass beispielsweise einem öffentlichen Meinungsführer, der nicht
wenigstens ein Jahr lang bei seiner einmal geäußerten Meinung bleibt, fürs nächste Jahr jeder Talkshow-Auftritt verboten wird.
5. Statt grundlos auf „immer weitere“ Fortschritte zu hoffen, sollten wir unsere politische Phantasie in Zukunft eher darauf konzentrieren, ob sich das heute erreichte Niveau bürgerlicher
Lebensqualität überhaupt stabilisieren und verteidigen lässt.
Schon die „Normalpolitik“, die zu diesem Zweck betrieben werden müßte, wäre wahrscheinlich für viele Bürger ungewohnt mühsam. Doch auch Bürgergruppen, die bereits ausdrücklich „grenzpolitisch“ tätig
sind, leiden immer noch unter einer Art fortschrittstypischem Missverständnis. Denn einerseits: natürlich ist es absolut ehrenwert, wenn Initiativen wie Attac oder Amnesty
International versuchen, sich selbst und andere Bürger mit „konkreten Zahlen“ von weiteren natur- und gesellschaftsschädlichen Grenzüberschreitungen abzuschrecken. Doch andererseits: wie soll
sich eine walfang- oder staudammkritische Gruppe „konkret“ mit einer afrikasolidarischen oder waldschützenden Initiative verständigen können, solange noch fast alle Gruppen über zum Teil höchst
unterschiedliche Grenzbegriffe verfügen? Oder zugespitzt: wie kann man überhaupt auf die ökologisch sinnvolle Begrenzung von irgend etwas hoffen, wenn jede zweite Umweltinitiative die globalen
Ressourcen immer noch nach ganz anderen Kriterien berechnet als die erste und niemand den „Gesamtverteiler“ kennt, mit dem die jeweiligen Einzelwerte ja auch irgendwann und -wie global
miteinander abgeglichen werden müssten?
Zu den „konkreten Zahlen“ jeder bürgerlichen „Schutzpolitik“ würde also in jedem Fall die möglichst rasche Erstellung einer möglichst übersichtlichen globalen Grenzwertdatei gehören.
Noch einmal: Utopie und Realismus
Bei den genannten Punkten handelt es sich um politische Zielperspektiven. Die Sofortlösung deutscher Rentenprobleme ist damit ebensowenig zu erreichen wie die schnelle Beseitigung des
Nahost-Konflikts. Doch transnationale Ordnung und Kreislaufwirtschaft sowie Grundwertkompromisse und gemeinsame Sicherheit sind mit hoher Wahrscheinlichkeit die
Knackpunkte unserer künftigen bürgerlichen Lebensweise. Vielleicht könnten wir also mit der Diskussion gerade dieser Punkte, anders als mit den wirklich utopischen Reformideen von heute (Länger
arbeiten! Sparen! Optimismus ausstrahlen!), wieder einen grundsätzlich realistischen Bürgerblick zurückgewinnen.
Und wenn wir es, nicht zuletzt, schafften, auch unsere bürgerlichen Klasseninteressen wieder deutlicher zu definieren, unsere Stärken und Schwächen als bestimmte Gesellschaftsgruppe richtig
einzuschätzen, dann hätten wir vielleicht sogar die Chance, auch unsere bekanntermaßen „weichen“ Werte (wie Demokratie und individuelle Freiheit) gegen die, ebenso bekannt, viel „härteren“ Interessen
der verschiedenen nichtbürgerlichen Weltgesellschaftsgruppen zu behaupten.
Volksbefragung
Mein Freund Rolf ist Fernsehredakteur. Seit dreißig Jahren betreut er politische Magazine. Heute meint er, viele Bürger wüßten schon irgendwie Bescheid über Politik, hätten aber Schwierigkeiten, sich
zu konzentrieren. Als ich ihn fragte, wie er denn meine Thesen fände, so im einzelnen, inhaltlich usw., runzelte er eine Weile die Stirn. „Na ja“, kam es dann ziemlich brummig heraus, „darüber muß
ich erst nochmal nachdenken. Aber wenn man die Sachen so zusammenfasst, ich glaube, das interessiert die Leute.“
„Aber warum“, fuhr er unvermittelt fort, „gibt es eigentlich immer noch keine deutsche Motivationsstatistik? Heiraten, Beruf, Wohnortwechsel, solche langfristigen Entscheidungen treffen die meisten
Leute doch auch einigermaßen verbindlich. Warum kümmerst du dich also nicht mal um ein paar seriöse Zahlen zur Arbeitsmarktwahl?
Mein fragender Blick kitzelte offenbar sein berühmtes Moderatorentemperament wieder wach.
„Versuch doch zuerst mal rauszufinden, wer heute überhaupt arbeiten will!“ Er hob einen, dann zwei, dann drei Finger. „Dass Vollbeschäftigung ein Märchen ist, wissen wir. Dass der Mythos von
sinnstiftender Lohnarbeit nur noch die halbe Wahrheit ist, wissen wir. Dass heute längst nicht mehr jeder arbeitsfähige Bürger einen sinnvollen Arbeitsplatz kriegt, auch wenn er sich noch so flexibel
darum reißt, wissen wir. Aber der Punkt ist“, jetzt streckte Rolf beschwörend alle zehn Finger aus, „wir wissen es nicht voneinander! Und um direkt darüber zu verhandeln, wer von uns
Deutschen freiwillig auf einen Arbeitsplatz verzichten würde und wer nicht, dafür ist unsere Gesellschaft einfach zu groß.“
Ich begann zu ahnen, worauf er hinauswollte, doch nun wußte Rolf offenbar selbst nicht mehr recht weiter. Unentschlossen spielte er mit seinem vollen Weinglas herum. Dann sagte er leise:
„Vielleicht stimmt es ja gar nicht, dass jeder Bürger heute einen bezahlten Arbeitsplatz will. Vielleicht will das ja nur noch die Hälfte oder zwei Drittel aller Bürger. Und vielleicht käme ja
heraus, dass die Nichtwollenden mit tausend Euro Bürgergeld zufrieden wären und sich um ihr politisches Selbstbewußtsein und den ganzen Kulturkram auch ohne bürokratische Hilfe kümmern könnten. Ich
meine“, jetzt redete Rolf plötzlich wie ein Wasserfall, „wenn heute in der Zeitung steht, dass morgen in Deutschland der soziale Frieden platzen kann, in Sachsen, im Ruhrgebiet, weiß der Teufel, wo
noch - wäre es da nicht das kleinere Übel, wenn wir Deutschen uns mal die Mühe machten, tatsächlich intelligent miteinander zu kommunizieren? Wer will für Geld arbeiten und wer nicht?! - Klar, die
Umfrage muss gut vorbereitet sein, man müsste eventuell Zehnjahresfristen einführen und auch die übrigen Verbindlichkeiten konkretisieren. Aber im Prinzip? Die Vorteile lägen doch auf der Hand! Der
deutsche Arbeitsmarkt könnte nachhaltig entspannt werden! Wer gerne weiter konkurrieren und entsprechend mehr verdienen möchte, könnte das viel zwangloser tun als heute. Er bräuchte auch nicht mehr
so viel Angst vor den Nachbarn zu haben, wenn er mit seinem neuen A6 vorfährt. Wenn die Ergebnisse der Arbeitswahlstatistik öffentlich bekannt wären, wüßten ja alle Bürger voneinander, dass ihnen
verschiedene Dinge am wichtigsten sind. Sie bräuchten sich also nicht mehr gegenseitig um irgendwelche Stereotypen zu beneiden oder mit der Wenn-das-jeder-täte-Keule zu bedrohen. Und im
übrigen: wie viele Steuer-, Subventions- und Umfragemillionen werden ohnehin jährlich zwecklos verpulvert?... Da wäre doch so eine kleine Umfrage...“
Ich weiß nicht mehr, was Rolf an jenem Abend noch sagen wollte. Er hatte viel Wein getrunken, und ich auch. Aber vielleicht sprechen wir ja demnächst weiter.
_______________________________________________
Zeit der Kompromisse